Es gibt Gründe, denen darf man nicht auf den Grund gehen
Monatsgrüße 07/2026
Wir alle konnten in den letzten Wochen erfahren, wie heiß die Sommer tatsächlich sind und zukünftig wahrscheinlich werden. Wohl dem, der ein kühles Plätzchen hat oder im Schatten eines Baumes das Ganze ertragen kann. Erfahrungsgemäß sind das ja auch die Pole-Positionen schlechthin beim Freibad- oder Seebesuch.
In der kommunalen Städteplanung werden solche kühlenden Schattenbereiche bewusst in Form von Parks, Alleen oder kleinen Wäldchen angelegt oder gepflegt, um der Aufheizung der Innenstädte aufgrund der Bebauung entgegenzuwirken. Hinzukommen Kaltluftschneisen, um zusätzlich die Frischluft aus dem Grün des Umlandes über oft natürlich bewachsene Korridore bewusst in bebautes Gebiet zu lenken.
Um welches Grün es sich dabei handelt, ist hierbei im Prinzip vollkommen gleich, denn die Natur kennt da – ebenso wie beim Begriff Unkraut – keine Unterschiede.
Anders handhaben das jedoch die Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Abhängig von Interessenlage und zu erwartenden Mehrgewinn – man könnte auch je nach dem, auf welcher Seite man steht, hier und da stattdessen den Begriff Profit verwenden – unterscheidet man zwischen gutem und nutzlosen (weil minderwertigem Grün), schützenswerten Ökosystemen und Brachflächen oder Landschaftsschutzgebiet und Wildwuchs. Dabei sind, und das ist erstaunlich, die Grenzen metergenau festgesteckt. Als Vogel, Insekt oder Hase muss man bei der Wahl des Heimes schon genau sein, sonst ist Ende Gelände.
So wird es wohl aktuell auch vielen Tierarten gehen, die sich in der Waldfläche (pardon, über viele Jahre natürlich gewachsene und nun verwaldete Wildwuchsfläche) am Cottaweg ansiedelten. Wie sie vielleicht verfolgt haben, will RB Leipzig seine Trainingskapazitäten erweitern. Dafür würde die Stadt das Waldstück hinter der Kleinmesse opfern, um damit den Weg freizumachen für großzügige Kurzrasen-Flächen zum Wohle des runden Leders (mit dem sich ja bekanntermaßen guter Profit machen lässt). Hier gilt nämlich das Prinzip, dass Wald nicht gleich Wald ist, gleich wenn unmittelbar daneben ein Vogelschutzgebiet angrenzt. Umweltaspekte wie Ökosystem, Kaltluftschneisen, Klimaschutz? Sorry, bitte einen Wald weiter!
Und während der Wirtschaftsbürgermeiser von einer „pragmatischen und wirtschaftlich überzeugenden Lösung“, verbunden mit einem „Ausgleich aller Interessen“, spricht und das Umweltamt der Stadt da wohl gar nicht mehr anders kann, als alle Hühneraugen zuzudrücken, werden stattdessen weitaus weniger gravierende Maßnahmen durch die Mühlen der Verwaltung über Jahre gequält.
So könnte nämlich schon seit 10 Jahren der vor gefühlt 20 Jahren angedachte Verbrauchermarkt in der Sommerfelder Straße (ggü. des Firmengeländes von Davaso bzw. Steinel) sein Angebot feilbieten, wenn nicht eine alte Pappel und eine wilde Pflaume hier im Wege stünden. Die Arkusaugen des Umweltamtes erspähten hier ein schützenswertes Habitat, dass durch Gutachten untermauert wurde und den Investor fortwährend zwang, das Gebäude sinngemäß um das Bäumchen zu planen – natürlich mit dem gebotenen Abstand und nur unter Schaffung diverser gleichwertiger Ausgleichsflächen. Leider ist der Ermessensspielraum bei sowas nicht sehr groß, denn bei Umweltthemen ist nicht zu spaßen und man achtet hier äußerst penibel auf die Einhaltung der Vorschriften. Oha! Und so sehen wir bis heute, dass wir Nichts entstehen sehen.
Gleiches gilt übrigens auch für das eigentliche Mammutprojekt des Ortschaftsrates Mölkau. Ursprünglich als simple Querung eines meist vertrockneten Rinnsals namens Östliche Rietzschke (zwischen Spielplatz Schulstraße und Engelsdorfer Straße) für Fußgänger und Radfahrer gedacht, entfaltet sich das Ganze durch künstliche Aufblähung ziemlich unintelligent als Großbrückenbauprojekt mit allem Pipapo wie Baugrunduntersuchung für Fundamente, Mindestbreiten nach DIN, Maximalsteigungswinkel, Hochwasserschutz und was es sonst so gibt. Dabei hätte es genügt, analog der Rietzschke-Querungen im Gutswald ein ausreichend dimensioniertes Rohr in den Lauf zu legen und mit Erde zu bedecken. Dauert einen Tag und kostet ein Taschengeld im Vergleich zu den allein bereits jetzt schon angefallenen Personalkosten durch Begutachtung, Stellungnahmen, Vorplanungen usw. Noch dazu würde sich diese Art der Umsetzung als relativ unauffällig erweisen. Aber: zu einfach wäre eine solche Vorstellung…
Und das alles nur, weil auch hier das Umweltamt einen besonders schützenswerten Uferbereich in Leipzig ausgemacht hat - direkt an der Grenze zum Landschaftsschutzgebiet “Etzoldsche Sandgrube“. Das zumindest geht eindeutig aus den weniger eindeutigen, weil durch Großkopieren der Unterlagen ungenauen Grenzverlauf hervor. Dass übrigens das hochgepriesene Schutzgebiet den einstigen Abraum im Zusammenhang mit dem Bau der Mölkauer Schulen beherbergt, ist hierbei zwar widersprüchlich, aber noch lange kein Grund zur Nachsicht oder Neubewertung der Sachlage.
Daher sehen die Pläne des MTA (Mobilitäts- und Tiefbauamt) nun auch vor, die aus Umweltamts-Sicht unmöglich zu verändernde und nur mit ausreichendem Höhenabstand zu querende Uferböschung mit einer Holz-/Stahlkonstruktion zu versehen, die alle gesetzlichen Vorschriften bei Brückenbauwerken einhält. Zu beachten ist allerdings, dass durch den Höhenunterschied der Böschungskanten der Steigungswinkel zu groß ausfällt und daher eine Abtreppung an einer Seite erfolgen muss. Leider wenig zielführend, wenn der Wunsch des OR Mölkau darin lag, eine Querung für Fußgänger UND Radfahrer einfach und praktisch zu schaffen.
Dabei klangen doch wie im Falle von RB Leipzig die Worte des Wirtschaftsbürgermeisters so wohlig warm: „eine pragmatisch und wirtschaftlich überzeugende Lösung, weil mit Ihr ein Ausgleich aller Interessen verbunden ist“. Unklar bleibt, welche Interessen in unserem Fall ausgeglichen werden.
Es gäbe weitere Beispiele im Ort wie diese, wo Umwelt, Ökologie und Klimaschutz übertrieben penibel gehandhabt werden. Anderseits auch einige, die mitunter offensichtlich gar keine Rolle spielen.
Als im Frühjahr 2019 auf dem Gelände des verwilderten Schrottplatzes im Gewerbegebiet „Am Bahndamm“ ein Großbrand ausbrach, erstickten die Feuerwehren 1,5 ha (=100x150m) mit einer dicken Schicht aus Löschschaum. Gefahr für die Umwelt, trotz zusätzlicher austretender Stoffe wie Öle oder Säuren? Keine! Bis heute werden dort Autos mit oder ohne ihren Flüssigkeiten abgestellt, doch Anlass für Behördenhandeln gibt es nicht in dem Maß, wie es wohl bei Ottonormalbürger zur Anwendung käme. Gleiches gilt nur einen Steinwurf weiter im Gewerbegebiet an der Mühlstraße/Gutberletstraße, wo zahlreiche illegale Bautätigkeiten mit massivem Holzeinschlag stattfanden. Dass hier die Umweltbehörden den Käufer des Grundstücks schwer ermitteln können, ist kaum nachvollziehbar. Denn geht es anderweitig rund ums Thema Bußgeld oder Privatgrundstück, ist man da weniger resigniert. Und das Ökosysteme nicht gleich Ökosysteme sind, zeigt sich auch beim Ändern des B-Plans E215 „Wohngebiet Zweinaundorfer Str.“. Durch jahrelanges Nichtstun entwickelte sich auf ganz natürliche Weise ein Lebensraum für Nachtigall, Fasan und Co. Nebenbei sorgt er für den Frischluftstrom und damit gutes Klima, gleich wenn die Kaltluftschneisen laut den städtischen Karten 50m weiter östlich ausgewiesen sind. Von Biodiversität und den typischen ländlichen Charakter unseres Ortes ganz zu schweigen, sind leider die mitunter teils schon bis zu 15m hohen Bäume nichts wert. Bestandschutz? Gibt es nicht. Bei jedem Privatmann erklärt man hingegen im Verwaltungsdeutsch, weshalb ausgerechnet seine die Bausubstanz zerstörende Eiche am Haus nicht gefällt werden darf – auch wenn immer wieder auftretender Astbruch eine zusätzliche Gefahr birgt.
Alles offenbar eine Frage der Auslegung.
Insofern gilt: Es gibt Gründe, denen sollte man lieber nicht auf den Grund gehen.
Kommen Sie gut durch den Sommer!
AWo
Kontakt Ortsvorsteher: klaus-ruprecht@kabelmail.de / 0157 31 67 41 81







